Der wunderschöne Weihnachtsbaum

Sieben Jahre war er alt, der Junge, zäh und flink, wie alle Großstadtkinder jener Zeit, immer hungrig und auf der Suche nach Verwertbarem. Am 23. Dezember 1945, am frühen Nachmittag, stiefelte er durch den Schneematsch auf den Wegen des Rothschildparks in Frankfurt. Sein Ziel waren die Trümmer der ehemaligen Stallgebäude des Palais der Rothschilds. Das Trümmerfeld war so groß, dass man auch nach Wochen, in denen man es durchstreift hatte, noch das Gefühl aufbringen konnte, vielleicht das eine oder andere interessante Teil – vielleicht gar ein nützliches, wie ein Stück Holz oder Leitungsrohr – entdecken zu können.
Es konnte ja auch sein, dass sich einer von den Spielgefährten, der Jens oder der Matthias um diese Tageszeit hier herumtrieben. So kurz vor Weihnachten war das zwar nicht wahrscheinlich, aber nachsehen wollte der Junge auf jeden Fall. Er kam aber nicht bis zu seinem Ziel. Ihm entgegen eilte ein Mann, der etwas Grünes, einen kleinen Tannenbaum unter dem Arm trug.
Wie gebannt starrte der Junge dem Mann entgegen. Einen Tannenbaum, davon hatte Mami gesprochen. Aber in diesem Jahr gäbe es keine, hat sie gesagt Wenn der Mann aber…
„Wo haben Sie den her?“
Der Mann erschrak ein wenig, als er so hastig und dringlich angesprochen wurde. Nach einem kurzen Augenblick sagte er dann:
„Da drüben am Opernplatz da steht einer, der verkauft sie. Aber da sind viele Leute. Du wirst kaum noch einen kriegen.“
Ohne ein Wort des Dankes und ohne eine Sekunde zu verlieren, drehte der Junge sich um und rannte den Weg, den er gekommen war, zurück. Raus aus dem Park, die Straße, die Oberlindau zwei Blocks, von denen der eine nur aus Trümmergrundstücken bestand, entlang, nach Hause. 3. Stock, 2 x klingeln stand hinter seinem Namen. Kaum dass sich die Türe öffnete, rannte er die Treppen hoch, stürmte in die Wohnung, die zwei schmalen Zimmer, in denen sie lebten und rief seiner Mutter schon von der Diele aus zu:
„Mami, ich brauch Geld.“
Das war für die Mutter eine etwas sehr ungewöhnliche Bitte:
„Wozu brauchst Du Geld? Wie viel und was willst Du damit machen?“
„Nix Schlimmes, was Schönes und ich brauch 3 Mark.“
Ohne zu überlegen, ob das genügte für einen Weihnachtsbaum, ob es zu wenig oder zu viel war, hatte er die Summe genannt. Sie war ihm so eingefallen.
Nun war Geld damals eigentlich kein Problem. Man hatte immer mehr Geld als es Waren gab, die man dafür bekommen konnte.
Außerdem hatte der Junge so begeistert, so angetan, von dem, was er vorhatte, gesprochen, dass sie ihre Sorgen hintenan stellte und ihm das Geld gab. Ein paar Münzen und ein paar kleine Scheine, 10-Pfennigscheine und 5-Pfennigscheine, die es unmittelbar nach dem Krieg gab, weil es an Münzen mangelte. Kaum hatte der Junge das Geld in der Hosentasche verstaut, flitzte er los.
„Bis gleich, Mami“
Und dann hörte man ihn nur noch die Treppe hinunterspringen.
Er rannte, so schnell seine kleinen Beine es zuließen, die Oberlindau hinunter, durch den Park bis zum Opernplatz. Dort sah er sofort, wo sich der Baumverkäufer befand. Ihn selbst sah er nicht, sondern nur die Menschen, die in dichter Traube um das Geschehen herum standen. Ein wenig zögernd näherte er sich den Rücken, dieser Wand aus Menschen, die alle nur ein Ziel hatten, einen Weihnachtsbaum.
Das war aussichtslos. Da kam er nicht durch. Traurig resignierte er. Wie sollte er, der Kleine, hier zum Erfolg kommen?
Er roch die Feuchtigkeit, die aus den grauen Mänteln stieg, hörte das Gemurmel der Ungeduldigen und überlegte, ob es nicht richtiger sei, gleich wieder umzukehren und nach Hause zu gehen. Plötzlich stand neben ihm ein älterer Herr, der ihm die Hand auf die Schulter legte und fragte:
„Stehst Du auch hier an? Willst Du auch einen Weihnachtsbaum?“
Der Junge konnte nur nicken. Er fand in seiner Traurigkeit keine Worte.
„Warte mal Kleiner. Das haben wir vielleicht gleich.“
Dann erhob der Mann seine Stimme und sagte so laut, dass es jeder hören musste:
„Meine Damen und Herren, hier steht ein kleiner Junge, der einen Weihnachtsbaum braucht. Es wäre schön, wenn Sie ihn durchließen und er sich einen kaufen könnte.“
Natürlich gab es einige, die murrten und erklärten:
„Wir wollen alle einen Weihnachtsbaum.“
„Wir feiern bei uns auch Weihnachten.“
„Warum soll der eine Extrawurst gebraten kriegen?“
Der alte Herr, dessen Stimme man anhörte, dass er es gewohnt war, sie zur Durchsetzung seiner Autorität zu nutzen, sagte in das Gemurmel hinein:
„Sie alle haben schon mehr schöne Weihnachtfeste erlebt, als dieser Junge alt ist. Meinen Sie nicht, dass es gut wäre, ihm die Freude zu machen?“
Nicht ganz ohne Widerstreben ließen die Leute den Jungen durch ihre Reihen, machten eine kleine Gasse, schoben ihn nach vorne. Dort erwartete ihn der Mann, der von irgendwoher – vermutlich aus dem Taunus – gekommen war und eine Ladung kleiner Tannen auf seinem Wagen mitgebracht hatte.
„Tut mir leid, junger Mann, aber ich habe keinen einzigen Weihnachtsbaum mehr. Ich kann Dir nur ein paar Zweige geben.“
Für einen Moment schien der Junge etwas ratlos, dann aber sagte er:
„Die sehen ja auch aus, wie ein Weihnachtsbaum.“
„Richtig. Man muss sie halt nur in eine passende Vase stellen.“
„Krieg ich drei Zweige? Einen für die Mami, einen für Michael und einen für mich? Michael ist mein Bruder, der ist aber noch kleiner als ich.“
Und dann, als sei das das Wichtigste:
„Ich hab auch Geld dabei. 3 Mark.“
Der Verkäufer, der inzwischen Gefallen an dem Junge gefunden hatte und die Umstehenden, die den Dialog mit angehört hatten, freuten sich darüber, dass hier etwas geschah, was aus dem üblichen Rahmen des Kämpfens um jede Kleinigkeit fiel. Keiner murrte mehr darüber, dass der Junge seine Zweige bekam.
„So, dann gib mir das Geld und hier hast Du Deine Zweige. Ich steck noch einen kleinen oben mit rein. Dann sieht es wirklich aus, wie ein Weihnachtsbaum. Kannst Du die denn auch wirklich alle tragen?“
„Ja, das kann ich ganz bestimmt.“
„Weißt du, ich habe keinen Bindfaden, um sie ein wenig zusammenzubinden. Dann wär‘s leichter zu tragen.“
Und nach einer kleinen Pause:
„Oh, ich weiß was. Wir nehmen deinen Schuhbändel. Mit einem offenen Schuh kann man auch gehen, wenn man ein bisschen vorsichtig ist. Zu Hause kannst Du ja den Bändel wieder in den Schuh fädeln.“
Damit bückte er sich, nestelte dem Jungen den Schuhbändel aus dem Schuh und wickelte ihn um die Zweige, die so zu einer Einheit wurden, die tatsächlich viel besser zu tragen war als vier einzelne Zweige.
Strahlend, ein wenig schlurfend, drängte sich der Junge wieder durch die Leute, wobei er immer wieder „Danke“ sagte und alle damit meinte. Die Leute, so schien es, freuten sich mit ihm und sahen ihm nach, wie er mit seiner Beute durch den Schneematsch schlurfte.
Schwer waren sie, die Zweige, aber er hätte sie auch einen dreimal so langen Weg getragen. Was würde Mami wohl sagen? Und Michael?
Michael verstand die Geschichte noch nicht und, die Mutter war zunächst sprachlos.
„Hast Du dafür das Geld gebraucht?“
„Ja, am Opernplatz verkaufte ein Mann Tannenbäume, aber er hatte keine mehr und da gab er mir die Zweige. Die sehen doch aus wie ein Weihnachtsbaum, oder?“
„Das wird der schönste Weihnachtsbaum, den Du Dir vorstellen kannst. Waren denn da noch andere Leute?“
„Ganz viel, aber ein Mann hat mir geholfen und gesagt, sie sollen mich alle durchlassen und da kam ich auch gleich dran und der Verkäufer hat gesagt, dass man auch ohne Schnürsenkel laufen kann und hat damit die Zweige zusammengebunden.“
Atemlos, hastig und von unbändigem Stolz erfüllt, hatte der Junge berichtet. Das war sein Weihnachtsbaum, den hatte er ‚besorgt‘.
Am nächsten Abend standen die Zweige in einer mit weißem Tuch verkleideten Blechdose, in der während der vergangenen Jahre eine Gasmaske aufgehoben war, an den Zweigen hingen ein paar silberne Kugeln aus Stanniolpapier und über die Zweige waren Reste weißer und bunter Wolle drapiert. Drei Kerzen hatte die Mutter organisiert und die mussten für die gesamte Weihnachtszeit reichen.
Es war wirklich ein wunderschöner Weihnachtsbaum.
Den aber vergaß der Junge, als er endlich das Tuch, unter dem sein Weihnachtsgeschenk verborgen war, wegnehmen durfte.
Da stand ein ganzer Teller voll mit Brot, mindestens zehn Scheiben, in Hälften geschnitten und mit dem, was in jenen Monaten als Ersatz für Butter verwendet wurde, bestrichen.
Es vergingen lange Sekunden, ehe der Junge realisierte, was das bedeutete. Er konnte sich satt essen, hatte mehr Brot, als er auf einmal essen konnte. Selbst wenn er, wie er schnell überschlug, Michael einiges davon abgeben musste, blieb ihm noch genug, um den ewigen Hunger, wenigstens einmal zu unterbrechen, einmal das Gefühl zu haben, satt zu sein. Das war das schönste Weihnachtsgeschenk, das er sich denken konnte.
Seine Mutter, die ihn beobachtete, erklärte ihm dann:
„Das ist ganz alleine für Dich. Du brauchst davon nichts abzugeben. Michael hat andere Sachen, auch was zum Essen. Iss so viel du willst und was Du heute nicht isst, das heben wir Dir für morgen auf.“
Er aß. Erst hastig, vom Hunger getrieben und dann langsamer und mit Genuss. Klug genug war er, aufzuhören, ehe ihm schlecht wurde. Und es blieb tatsächlich für den nächsten Tag noch genug übrig, dass er sicher sein konnte, auch dann noch mal richtig satt zu werden.
Hätte man ihm gefragt, hätte er ohne jeden Zweifel behauptet, dass dies das schönste Weihnachtsfest war, das er erlebt hat. Auch später, als Weihnachten in ganz anderen Dimensionen gefeiert wurde, als es alle die Dinge wieder gab, die damals unerreichbar waren, blieb ihm die Erinnerung an dieses eine Fest, an den wunderschönen bunten Weihnachtsbaum und den Teller voller ‚Butterbrote‘.

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